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Was Portrait FotografInnen von Filmen lernen können

Gerade früher habe ich häufig wieder von Freunden und Verwandten gehört „du hast einfach so ein Auge dafür, voll die Begabungfür die Portraitfotografie, als ob ich von Geburt an mit einem begehrten genetischen Defekt geboren wurde, dem „FotografInnen-Gen„.

Ähnlich habe ich Leute über MusikerInnen, SchauspielerInnen und anderen Kreativschaffenden reden hören, wer „es“ hat, der hat es halt. Natürlich ist das Quatsch, denn obwohl Gene eine gewisse Rolle zugesprochen wird, kommt es am Ende doch auf Neugier, Motivation und äußere Umstände an.

Die Wahrheit ist, dieses fotografische Auge ist genau wie das geschulte Ohr, die Präsenz auf der Bühne, das Handwerk in einer Konditorei oder das Programmieren eines Codes etwas Gelerntes, Einstudiertes. Jetzt gibt es allerdings tatsächlich Menschen, die irgendwie von Natur aus, selbst mit dem Handy scheinbar bessere Aufnahmen schießen als manch andere, mit teurer Ausrüstung: Ganz ohne Ausbildung oder Vorerfahrung. Ich denke nicht, dass das von einem Talent oder einem „FotografInnen-Gen“ kommt. Sondern von aufmerksamen Beobachten und Wahrnehmen.

Ein Portrait von 2019. Alles, was ich damals über Fotografie wusste, habe ich durch Beobachtung verinnerlicht. Für mich war damals ein gutes Portrait viel Tiefenunschärfe, zentrale Linien und starke Kontraste:
Komplett Basic – funktioniert trotzdem.

Es gibt im Englischen die Redewendung „Affe sieht, Affe macht„, wer gute Fotografie wahrnimmt und betrachtet, lernt ganz unbewusst zum Beispiel Kompositionen, Regeln und Farblehre. Das „perfekte Bild“ setzt sich bereits vor dem inneren Auge zusammen, woran es dann meistens fehlt ist Know-how über Technik, Ausrüstung und generell, wie man diese Bilder überhaupt umsetzen kann: Ein Problem, das mir häufig in Workshops oder Coachings begegnet und leicht zu beheben ist.

Nichts ist zufällig, Filme und Serien als Inspiration für FotografInnen

Die Regeln der Fotografie sind keinesfalls ausschließlich im Bildern zu finden, sie greifen genauso im Bewegtbild. Vielleicht sind sie auf der großen Leinwand sogar noch stärker vertreten, denn dort ist nicht „nur“ ein/eine FotografIn beschäftigt. Stattdessen steht hinter einer Produktion gleich ein komplettes Team an ExpertInnen verschiedenster Bereiche. Daher haben Filme und Serien Unmengen an spannenden Techniken auf Lager, um ihr Publikum in den Bann zu ziehen, von welchen sich FotografInnen gerade im Portraitbereich inspirieren lassen können. Hier ein Überblick über verschiedenen Rollen am Set und was man von ihnen lernen kann.

Die wohl wichtigste Person am Set: RegisseurIn

Ist unter anderem für die Komposition, den Bildausschnitt und die Auswahl der Ausrüstung zuständig. Gerade der letzte Aspekt hat einen enormen Einfluss, denn schon allein die Wahl des Objektives und der damit verbunden Brennweite, kann die komplette Bildsprache, Stimmung und Optik eines Filmes ändern.

Gerade für FotografInnen, die bereits ein Gefühl dafür entwickelt haben, wie welche Festbrennweite in etwa aussieht, können viel Spaß daran haben, genau hinzusehen, welches Objektiv wohl genutzt und warum gerade dieses ausgesucht wurde. Hat die Szene einen Close-Up mit einem 135 mm Objektiv auf einen Stift, der ein historisches Dokument unterschreibt, oder ein Weitwinkel-Objektiv, dass das Gesicht des Protagonisten verzerrt, um so seinen zunehmenden Verfall in den Wahnsinn zu zeigen.

Portfolioshooting mit Lola, das 85 mm Objektiv legt den Fokus nah auf die Interaktion mit dem Spiegelbild, mit einem weitwinkligeren Objektiv, wie einem 35 mm, wäre der Fokus verloren gegangen.

Die Wahl der Perspektive ist mindestens genauso wichtig, wie die Wahl des Objektives. Es macht Spaß, genau hinzuschauen und sich zu überlegen, warum gerade diese Perspektive gewählt wurde.

In dieser zurecht legendären Szene aus dem Film „The Shining“ verwendet Regisseur Stanley Kubrick zuerst eine „Point of View“ (auch POV genannt) und anschließend eine „Over the shoulder“ Perspektive, um den ZuschauerInnen das Gefühl zu geben, unmittelbar nah an dem Geschehen zu sein. Zusätzlich bewegt sich die Kamera mit den Schritten von Jack Nickelson und Shelley Duvall vertikal mit, wodurch man das Gefühl bekommt, man schreitet mit den Schauspielenden gemeinsam. Nach dem Höhepunkt der Szene wechselt die Perspektive wieder auf eine entfernte Einstellung, am Fuß der Treppe und gibt den Zuschauenden wieder etwas mehr Raum zum Atmen: Intensiv, beklemmend und genial!

In der Praxis benutze ich den die „Over the shoulder“ oder POV Perspektive zum Beispiel gerne bei Arbeitsreportagen, Hochzeiten oder MusikerInnen-Shootings, immer wenn es darum geht, den Betrachtenden möglichst nah an das Geschehen zu bringen.

Die Hintergrund-ExpertInnen: RequisiteurIn

Sie sind dafür zuständig, RegisseurInnen dabei zu unterstützen, seine Vorstellungen und Vision umzusetzen, wenn es um sämtliche bewegbare Hintergrundelemente geht. Da geht es um die Beschaffung und Instandhaltung von Stühlen, Tischen, Schränken oder sämtlichen, leicht bewegbaren Gegenständen. Dementsprechend werden RequisiteurInnen auch häufig auch von Requisiten-HerstellerInnen begleitet, die auch Maßanfertigungen herstellen können.

Für FotografInnen lohnt es sich also einen scharfen Blick in das Set und den Hintergrund zu werfen, denn jeder Gegenstand hat seine Daseinsberechtigung, ist bewusst gewählt und hat eine Absicht darin, eine besondere Stimmung zu schaffen. In der Praxis könnte man meinen, dass das ausschließlich relevant für Studio FotografInnen ist, gerade solche, die sich ein Studio zu Hause selbst zusammenstellen oder gar aufmachen möchten.

Doch available light FotografInnen können hier auch viel lernen. Gerade außerhalb des Studios gibt es so viele tolle Locations und Ecken zu entdecken und je geübter der Blick ist, desto leichter kann man eben genau Potenziale entdecken, die faktisch zu Füßen liegen. Kürzliche habe ich mein Airbnb zum Beispiel bewusst als mögliche Location für Bilder gewählt.

Geschossen in einem alten Kaufmanns-Haus nahe Dresden, im Bild Anna.

Das Auge für die Feinheiten: Set DesignerInnen

Sie sind fürs Detail zuständig und machen sich über die genaue Platzierung von „kleineren“ Hintergrundelementen Gedanken. Das können Bilder an der Wand, Uhren auf dem Nachttisch oder Bücher in einem Schrank sein. Details, die nicht zu unterschätzen sind. So kann uns zum Beispiel die Wahl des Geschirrs auf dem Esstisch während einer Abendessen-Szene, dem Publikum subtil viel über die finanzielle Lage einer Familie verraten. Hier ein Beispiel aus dem Klassiker „American Beauty“ aus dem Jahr 1999.

Häufig erlauben sich Filmschaffende auch den Spaß bewusst „Easter Eggs“, die aufmerksame Betrachter entdecken können, in den Hintergrund zu verstecken. Dabei handelt es sich um kleine Details, wie lustige Anspielung oder versteckte Hinweise, die mehr über die Handlung/Bedeutung des Films verraten. Ein bekanntes Beispiel findet sich in dem Film „Fight Club„, in dem in jeder Szene ein Starbucks-Becher entdeckt werden kann, eine Anspielung auf den wachsenden Einfluss des Kapitalismus in unseren Alltag.

Im Bereich der Fotografie kann man mit kleinen Elementen im Hintergrund sehr, sehr viel beim Betrachter erzeugen. Leider werden eben solche Details häufiger eher übersehen als bewusst eingesetzt, zumindest nach meiner Erfahrung.

Für mich als Fotograf, der viel im Portraitbereich arbeitet, bedeutet das in der Praxis, dass ich mir von Anwalts- bis hin zum Boudoirshooting im vorne herein überlege, was ich an Gegenständen mitnehme oder meine KundInnen bitte mitzunehmen. Denn diese Gegenstände schaffen nicht nur eine bestimme Stimmung und unterstreichen eine Bildsprache: Sie können auch wunderbar genutzt werden.

Ausschnitte aus dem Portraitshooting mit dem Münchner Portraitfotograf Daniel Schubert im Auftrag der KünstlerIn Anna Stenger für Ihre Website und social media.
Künstlerportrait mit Anja Stemmer in München. Gerade bei Protagonistinnen, die es nicht gewohnt sind vor der Kamera zu posieren, können Gegenstände zum Halten oder interagieren zu authentischeren Portraits verhelfen.

Einen eigenen Look schaffend: BildregisseurInnen

Passender vielleicht der englische Begriff „Cinematographer„oder „Director of Photography“, denn ihre Kernkompetenzen ist der von erfahrenen FotografInnen sehr ähnlich. Sie arbeiten eng mit dem Team für die Lichtsetzung zusammen, bestimmen aktiv den Look des Films durch die Wahl der Kamera, des Objektives, des Films (vorausgesetzt die Produktion arbeitet nicht komplett digital) bestimmen Bildausschnitt und legen die Kamerabewegungen fest. Damit ist Ihre Arbeit natürlich sehr eng mit der Vision von RegisseurInnen verknüpft und es finden sich viele Verknüpfungen der Arbeitsbereiche.

Spannend für PortraitfotografInnen ist meiner Meinung nach die Wahl des Films, bzw. der Farbkalibrierung, Körnung, also des Looks geht. Besonders seitdem ich viel auf Film fotografiere, schenke ich dem Bildlook von Filmen mehr Beachtung, weiß ihn zu schätzen. Zum Beispiel wurde die zweite Staffel der Erfolgsserie Euphoria komplett auf Film gedreht, einem Kodak-Farbfilm, der extra für die Staffel wieder produziert wurde. Der Look kann sich sehen lassen (wobei ich euch ans Herz legen würde, die Serie anstatt dem Trailer komplett zu schauen):

Einflüsse sammeln und loslegen

Gerade wenn es um Beständigkeit der eigenen Fotografie geht, können BildregisseurInnen inspirieren und Impulse für den eigenen Bildlook setzen. Ich selbst achte auf Farbschemen und Akzente, die mir besonders auffallen und versuche sie in meiner Arbeit einzubauen. Eine andere, etwas kostspieligere Möglichkeit ist es, verschiedene Filme analog zu benutzen und herauszufinden, warum auch heute Film-Fotografie unter Profi-FotografInnen eine berechtigte Wahl ist.

Nicht nur bei aufwendig produzierten Serien und Filmen gibt es viel zum „abschauen„, auch low-buget Produktionen haben viel zu bieten, gerade im Indie-Bereich der Filmindustrie wird und vor allem kann mehr experimentiert und kreativ ausgelebt werden. Zum Beispiel habe ich vor kurzem den slawischen Filmklassiker „Valerie – Eine Woche voller Wunder“ aus dem Jahr 1970 entdeckt, sehr empfehlenswert! Alternativ kann man sich auch fantastisch von dem Instagram-Kanal „The Film Zone“ oder „classicnymph“ berieseln lassen.

Das wichtigste, ist jedoch das Umsetzen. Denn die besten Ideen und Eindrücke sind nur heiße Luft, wenn man nicht versucht sie aufs (Foto-) Papier zu bringen, woran ich mich übrigens auch immer wieder erinnern muss.

Ich hoffe, dieser Blogeintrag motiviert beim nächsten Filmgenuss etwas genauer hinzuschauen und euch inspirieren zu lassen. Neben neuem Einflüssen ist für lernende FotografInnen auch gutes Feedback eine wichtige Quelle, wie und wo ihr das finden könnt, erfahrt ihr hier.

Annouk Portraitfotograf Portrait geschossen in München von dem Fotografen Daniel Schubert
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