Die Perfektionismus-Falle und warum du Fehler machen musst

Seit nun mehr drei Monaten spiele ich mit dem Gedanken eine Ausstellung zu machen. Alles hat begonnen mit diesem einen großartigen Film, den ich auf einer 70 Jahre alten Rolleiflex geschossen und der mich völlig überwältigt hat. Seitdem überlege ich mir bei jedem Motiv fünfmal, ob es ein Bild wert ist, habe mir einen neuen Scanner gekauft, mich in die Technik des Nassscannen von Negativen eingearbeitet und dutzende Filme wieder und wieder gescannt, um noch mehr Details, Qualität und Kontrast aus den Filmstreifen zu ziehen.

Von Scan zu Scan, entwickleten Film nach Film, wurde ich immer unsicherer, ob die Bilder jetzt endlich so weit wären und dann passierte mir das Unglück: Als ich Tickets für meine Familie nach Berlin online bestellte, setzte ich meinen Namen auf die Reservierung.

Anstatt dass ich hier die finalen Prints zeige, hab ich mir gedacht ich nehme die, die es nicht geschafft haben: Dieses Hier scheiterte an den Bäumen im Hintergrund.

Zuerst war ich wahnsinnig genervt über diesen Buchungsunfall. Schließlich hatte ich weder Zeit noch Geld für einen Kurzurlaub und überhaupt: Warum denn in Berlin? Doch als die Wochen verstrichen und der Trip immer näher rückte, arrangierte ich Treffen mit alten Abiturfreunden, befreundeten FotografInnen und plante sogar ein Shooting mit einem Musiker.

Aber vor allem, beschloss ich bis Berlin eine Vorauswahl möglicher Prints fertig zu machen, um sie beim Fotogeschäft Safelight Berlin drucken zu lassen, die ich bisher nur von Filmbestellungen kannte. Mir wurde mulmig, ich war unsicher und dann fiel es mir endlich auf: Mein Perfektionismus mit den Prints war ein Schutzreflex, eine Prokrastination um möglichen scheitern aus dem Weg zu gehen.

Perfektionismus als Schutzreflex vor dem Scheitern

Richtig deutlich wurde mir diese Erkenntnis erst, als ich wusste, es gibt kein zurück mehr. Zwar war der Druck und eine damit verbundene Ausstellung mein klares Ziel aber dennoch kamen plötzlich lauter Zweifel in mir hoch: „Was ist, wenn die Prints niemanden gefallen?“, „was wenn ich auf den Kosten sitzen bleibe?“, was wenn die Negative so stark vergrößert völlig unscharf und unspektakulär aussehen?“. Waren Gedanken die mir durch den Kopf schossen.

Das war der Moment, in dem mir klar wurde, ich versuche nicht die beste Vorarbeit zu leisten: Ein mögliches Scheitern hinauszuzögern – schon eher. Ob ich das durchschaut hätte, wenn ich nicht einen Zwangsurlaub in Berlin aufgedrückt bekommen hätte? Ich denke nicht.

Ist mir schwergefallen zum Aussortieren, weil man so ein verfallenes Gebäude in München einfach so selten sieht… aber eben leider nur in München.

Aber wie auch immer, zumindest musste ich jetzt handeln, zum ersten Mal sagte ich: „Stopp, das werden die ersten Prints und wir schauen, ob es klappt oder nicht!“ Ich suchte mir also gezielt die Bilder raus, die mir am meisten Sorge bereiteten, brachte sie zu Safelight, ging mit dem Besitzer die Prints durch und ließ drei Bilder auf unterschiedlichem Papier drucken. Gleichzeitig dachte ich endlich den Schritt weiter und versuchte mir eine Reihe zusammenzusetzen, die gemeinsam als Ausstellung funktionieren könnte. Fühlte ich mich perfekt vorbereitet? Nein und genau das wollte ich auch.

Auf der nächsten Stufe machst du Fehler und das ist gut so

Egal wie perfekt ich die Negative gescannt hätte, der nächste Schritt wäre der Druck gewesen, danach das Rahmen, die Auswahl, die Ausstellung, Vermarktung, Preisfindung und Kommunikation. Alles Dinge, von denen ich noch keine bis wenig Ahnung habe und bei denen ich Fehler machen werde. Ein Prozess, der auch komplett ins nichts laufen könnte, eine Investition von Geld und Zeit die für die Katz sein kann.

Und klar, das macht Angst. Aber genau dasselbe hab ich auch beim ersten Mal portraitieren von einer fremden Person gefühlt. Genau dieselbe Unsicherheit hab ich beim Abschließen eines Vertrages für meine Internetseite im Bauch gehabt oder beim steigen in den Flieger nach Tokyo, um mir ein Reiseportfolio aufzubauen. Natürlich hat das alles nicht geklappt, nur weil ich es probiert habe und ich bin auch immer noch kein bekannter, die Welt bereisender Fotograf aber ich hätte so, so viel verpasst, wenn ich mich der Angst vorm Scheitern ergeben hätte.

Selbstzweifel können sich als Bauchgefühl tarnen und man verwechselt die Angst vor Fehlern mit Intuition. Und überhaupt: Wir lernen nicht nur von Erfolgen, wir lernen eben aus Fehlern und Scheitern (vielleicht sogar etwas mehr).

Bei diesem gefällt mir eigentlich ziemlich viel: Die Farben, die Komposition (bis auf dem unteren Bildrand) und die Kontraste. Leider fehlt mir noch das gewisse Etwas.
Und sind die Prints jetzt was geworden?

Kurze Antwort: Ja und die Bilder gedruckt vor mir zu sehen war der überfällige Push, den ich schon seit einem Monat gebraucht habe, um wieder richtig Spaß am Prozess zu haben. Habe auch eine Reihe spannender Bilder in Berlin produziert, deren Rückkehr ich von der Entwicklung kaum erwarten kann. Die fertige Auswahl der Prints wird es natürlich hier in einem Blogeintrag oder im Portfolio zu sehen geben.

Im Titelbild ist übrigens Joana, mit der ich zusammen an meinem Portfolio gearbeitet hatte. Das Bild wäre auch ein möglicher Print gewesen aber ich hab bereits zwei bessere von Ihr in der Auswahl :). Wer Lust bekommen hat analog zu fotografieren, der findet hier drei wichtige Tipps, die ich zum Anfang gerne gewusst hätte.

Dennoch, zum Abschluss möchte ich dir lieber Leser (Ja wir brechen jetzt die vierte Wand) raten, Perfektionismus kann super sein und manchmal ist es genau die Extra-Meile, die eine gute Arbeit zu einer großartigen Arbeit macht: Aber gelegentlich da kann es auch passieren, dass man sich selbst nur ausbremst und sich einfach mal der Möglichkeit des Scheiterns hingeben muss, um wachsen zu können.

Ist halt wie in der Liebe.

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