Ich sehe nackte Menschen

Zuerst einmal möchte ich eines Vorwegsagen, ich bin nicht ein Experte im Bereich der Bodoir, Badeur, bodo… Teil- und Aktfotografie. Trotzdem habe ich mich in diesem Jahr mit dem Bereich auseinandergesetzt, spannende Inspirationen zusammengesucht, die fern von… Boudoir Mainstream zu finden sind und selbst mit sehr schönen, sehr schöne Bilder geschossen. Es hat aber sehr lange gedauert, bis ich mich endlich zur Umsetzung durchgerungen hatte…

Für mich als Fotografen war dieses Gefühl “Hilfe, wie soll ich jemand nackt fotografieren oder gar anleiten” tatsächlich eine große Hürde und das hatte einige ganz zentrale Gründe:

1. Boudoir Fotografie hatte für mich einen plumpen Beigeschmack

Das liegt mit Sicherheit daran, dass ich den ersten Kontakt mit dem Thema, wie die meisten Menschen meines Jahrgangs, in Form von Zeitschriftencovern im Supermarkt oder Kiosk hatte. Denn da fand sich stets auf Kinderaugenhöhe das hochrenommierte, geschmackvolle Cover der “Praline” oder ähnlicher Magazine. Dass die Kinderaugen nur kurz über das Cover gehuscht sind ist, ist in Anbetracht der gigantischen Schlagzeilen natürlich sehr schade.

Ein bisschen Erotik, ein bisschen Mord und fertig ist eines der erfolgreichsten Schmuddelhefte der Deutschen.

Durch diesen peinlich berührten Kontakt in der Kindheit war Boudoir Fotografie für mich lange eine plumpe, fast schon peinlich überzeichnete sexualisierte Männerfantasie: Aufnahmen nackter Körper, die nur zum Zweck der Erregung erwachsener Männern geschossen sind. Und erstaunlicherweise ist das heute gar nicht so anders.

2. Der Großteil der Akt-, Teilakt Fotografie sieht relativ gleich aus

Klar es haben sich Schönheitsideale verändert aber dennoch, es wirkt, als ob sich zwar die Kameras weiterentwickelt haben aber nicht die Herangehensweise oder die Emotionen, die Boudoirfotografie hervorruft (Natürlich kann man sich jetzt drüber streiten, ob sie das überhaupt machen soll).

Schaut man Beispielsweise in Facebookgruppen wie “Portraitfotografie” sind die Topbeiträge fast ausschließlich halbnackte, erotisch posierende Frauen gekoppelt mit viel Unschärfe und intensiver Retusche aller Falten oder Narben: Und zack, kann man sich über grenzenlosen Applaus der zahllosen “Fotografen” (bewusst nicht gegendert übrigens) freuen.

In mancher Hinsicht ist es vll. sogar noch schlimmer geworden, weil die heutigen Bearbeitungsmöglichkeiten noch unrealistischere Standards und Erwartungen bei BetrachterInnen mit sich bringen, sowohl an sich selbst, als auch den Körpern anderer Mitmenschen.

3. Nicht unwesentlich die Schamgrenze
Zusammen mit Axel an der Fröttmanninger Heide, mein erstes bewusst vorgenommenes Teilakt-Shooting.

Und damit meine ich gar nicht mal persönliche Neigungen, weil ich ähnliche Hemmungen auch beim Fotografieren und anleiten bei Männern hatte. Es geht mehr darum einem Shooting einen erotischen, bzw. sexuellen Aspekt zu geben und als Fotograf dementsprechend anzuleiten. Mein Problem war damit eher der Gedanke: Dränge ich damit nicht jemanden etwas auf, was ich denke was erotisch ist? Wer meine zu vorigen Blogartikel über das Verhalten bei TfP-Shootings gelesen hat, der erinnert sich vielleicht daran, dass ich selbst geschrieben habe:

Überhaupt, wenn du peinlich berührt bist von solchen Anleitungen, zeigt das ganz klar, dass du dich nicht professionell von der Situation distanziert hast und ist etwas, dass du unbedingt lernen musst oder diese Art von Shooting generell vermeiden solltest.

Und ich bin da auch weiterhin der Meinung, dass das stimmt, aber gerade weil das Thema bei mir schambehaftet ist wollte ich es auch unbedingt angehen und meistern. Später hat sich diese Herangehensweise geändert und plötzlich ging es um dieselbe Ästhetik, um die es auch bei Portraits geht, aber ich möchte hier nichts vorwegnehmen.

4. Boudoirfotografie kann reine Objektivierung eines Menschen sein

Ich sage hier vorsichtig kann sein und nicht ist, weil es genug Beispiele gibt die es besser machen. Trotzdem ist Boudoir in erster Linie nackte Haut und Körper. Jetzt bin ich in erster Linie aber ein Portraitfotograf und mir liegt viel daran, den Charakter und die Essenz eines Menschen einzufangen, anstatt einem Close-up von den Hintern, den Muskeln oder erigierten Glieds einzufangen.

Einziger Berührungspunkt mit dem Thema und dem fantastischen Model Laura. Wir hätten bestimmt noch mehr großartige Ergebnisse liefern können, wäre ich ein sicherer als Boudoir Fotograf damals gewesen.

Diesen Spagat zwischen Charakter und doch Teil- oder Aktfotografie zu meistern, schien mir sehr schwierig. Und damit möchte ich mir auch nicht diese Klischeebilder von nackt und doch “voller Emotionen” in schwarz/weiß, die Beine umschlungen mit unsicherem Blick in die Kamera vornehmen – die finde ich offen und ehrlich gesagt genauso unspektakulär die einen herausgestreckten Hintern im Türrahmen. Was mich zum nächsten und entscheidendsten Punkt bringt, warum ich das Thema bisher vermieden habe.

5. Ich habe zu hohe Erwartungen an meine Bilder als Boudoirfotograf

Dadurch, dass ich als Portraitfotograf schon gewachsen bin und mich verbessert habe, setze ich die Latte bei mir viel zu hoch was das Thema Boudoirfotografie angeht (mir ist beim redigieren ein sehr schlechter Wortwitz aufgefallen aber ich glaube ich lass ihn jetzt einfach drinnen). Warum nicht einfach Klischee Akt- oder Teilakt Bilder machen?

Paulina aka Groobar beim Teig kneten. Ich weiß, ein bisschen Klischee aber manchmal gibt es wichtigeres, wie zum Beispiel, dass die Arbeit für Model und Fotograf auch Spaß macht und man was zu lachen hat.

Ich erfinde auch bei meinen Portraitbildern das Rad nicht neu, sondern verbessere mich höchstens im Detail, und selbst wenn ich mich zuvor drüber beschwert habe, dass mir die meisten Boudoir-Bilder zu simpel von der Bildsprache her sind, habe ich es selbst doch auch nicht besser gemacht. Also habe ich mir natürlich den Kopf zerbrochen, wie man das machen kann und bin zu keinem Ende gekommen.

6. Es ist so Klischee als FotografIN Boudoir machen zu wollen

Von mehreren befreundeten Modellen habe ich es schon gehört, kaum hat man ein mutigeres, freizügigeres Foto gepostet, sind die meisten Anfragen für Portfolio-Shootings auf Akt-, Teilaktbilder aus. Und natürlich sind die meisten FotografInnen in diesem Fall männlich, was übrigens sehr schade ist, denn nach meiner Erfahrung fotografieren Frauen andere Frauen ganz anders als es Männer tun.

Überhaupt, geht man vom Like-Markt in Social Media Plattformen aus (Facebook/Instagram) dann sollte man sich als anstrebender PortraitfotografIn auf gutaussehende junge Menschen konzentrieren und je weniger Haut dabei gezeigt wird, desto besser. Und auf diese Art und Weise aufzufallen war mir immer etwas zu… einfach?

Außerdem bringt das noch ein ganz anderes Problem mit sich: Es gibt genug Fotografen, die nur in die Portraitfotografie gehen, weil sie es geil finden leicht bekleidete junge Frauen zu fotografieren, was durchaus zu übergriffigen Situationen führen kann. Und irgendwie wollte ich mich so weit wie möglich davon entfernen.

Interesse entfacht, durch großartige Boudoir FotografInnen

Erst als ich über Behance oder zufällig auf Instagram auf wirklich außergewöhnlich gute Boudoir Fotografie gestoßen bin, wurde das Thema wieder langsam interessant für mich und ich entschloss mich endlich mal ein Shooting anzugehen.
Deswegen möchte ich zum Abschluss ein paar Inspirationen teilen, die mich dazu gebracht haben, das Thema dann doch endlich anzugehen:

Wie es dann mit der Praxis aussah und wie es damit so gelaufen ist, lest ihr im zweiten Teil.

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