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Was zu viel Zeit als FreiberuflerIn und tinder gemeinsam haben

Stock-Bilder geschoßen in Hamburg mit dem Model Leona Joia und Daniel Schubert als Fotografen.

Leben als Freelancer ist gezeichnet von einem Fluch und Segen zugleich: Man darf sich seine eigene Arbeit selbst gestalten, man muss es allerdings auch ständig.

Häufig wechsel ich von einem Projekt zum nächsten innerhalb von einer halben Stunde und am Ende des Tages bin ich völlig verwirrt, was ich eigentlich den ganzen Tag gearbeitet habe, weil viele Projekte die Eigenschaft haben sich zu ziehen und daher nicht abgeschloßen sind.

Die meiste Zeit liegt das daran, weil sie von der Zusammenarbeit mit Dritten abhängen, oder manchmal schlicht deswegen, weil es größere Projekte sind. Zum Beispiel die Zusammenstellung eines Architekturportfolios.

Im Falle von letzteren beinhaltet das die Recherche, Feedback von Menschen aus der Branche, Locationsuche, Absprache mit den BesitzerInnen, Termin vor Ort, Bearbeitung u.s.w. und das ist gerade mal der Anfang, denn das Portfolio möchte ja auch verwendet werden.

Also kein Wunder, dass wenn man mehrere solcher Projekte in der Pipeline hat, dass man schnell etwas überfordert sein kann. Diese Überforderung, in Kombination mit zu viel Zeit, kann ein Problem sein – denn wozu lädt das ein?
Richtig, Prokrastination. Genau um dieses Luxusproblem soll es in diesen Blogeintrag gehen.

Wobei ich Luxusproblem schweren Herzens schreibe, denn auf Dauer kann das zu einer Stagnation und Selbstzweifeln führen, ist ein Thema, das nicht nur Menschen in der Kreativbranche oder Selbstständigkeit etwas angeht, in dem Sinne, ein Überblick:

Hintergrund, Ausflug zurück ins Angestelltenverhältnis

Erstmal einen Schwenker aus meinem eigenen Leben, ich habe vor zweieinhalb Jahren aufgehört nebenbei in der Gastronomie zu arbeiten und mich voll und ganz auf die Fotografie konzentriert. Ein wichtiger Schritt, denn die Teilzeitstelle war für mich wie ein sicherer Hafen.

Sicher, weil er die Krankenversicherung abgedeckt hat, die Miete und den Lebensunterhalt. Für mich war zu diesem Zeitpunkt klar, möchte ich wirklich Selbstständig sein, muss ich die Segel setzen für den Ozean der Selbstständigkeit. Nach einigen wilden Stürmen und knappen Manövern, aber auch tollen Begegnungen und interessanten Herausforderungen, kam ich dieses Jahr zu einer praktischen Erkenntnis.

Es läuft, aber wenn ich Geld für eine weitere Reise beiseitelegen möchte, könnte ich das Zusatzeinkommen von ein paar Monaten Gastro gut gebrauchen. Gesagt, getan, ich meldete mich wieder bei meinen alten KollegInnen und innerhalb von einer Woche stand ich wieder in der Küche, wieder Teilzeit und fühlte mich gleich wieder ganz Zuhause.

Es ist schwer vorstellbar, wie angenehm sich ein Angestelltenverhältnis nach zweieinhalb Jahren Selbstständigkeit anfühlt, vor allem, wenn man die Strukturen kennt, die KollegInnen mag und die Arbeit leicht von der Hand geht. Im Vergleich zu, man arbeitet für sich alleine, trägt die gesamte Verantwortung und behauptet sich Monat für Monat neu.

Das Aha-Erlebnis am “freien” Tag

Jetzt hatte ich also einen freien Tag, an dem ich mich voll und ganz auf meine fotografische Arbeit konzentrieren konnte, und ich fiel in ein Muster hinein, das ich mir in den zuvor liegenden Monaten angeeignet hatte. Erstmal bis neun schlafen, gemütlich Frühstück machen, etwas auf YouTube anschauen, ein kurzer Blick in die Mails – keine dringenden Aufgaben. Dafür aber eine sehr lange, einschüchternde To-do-Liste, die sich seit Februar in Babyschritten voranschreitet.

Man möchte anfangen, aber anstatt den ersten Schritt zu sehen, sieht man nur die endlose Straße. Ich fing an, einen Widerstand gegen die verschiedenen Projekte aufzubauen und lenkte mich mit verschiedensten Dingen ab, zerstreut und unfokussiert. Dann klingelte das Telefon.

Wir haben einen Ausfall, könntest du heute theoretisch arbeiten, wenn wir keinen Ersatz finden?” Natürlich antwortete ich mit ja. Da traf mich ein unangenehmes Gefühl. Was, wenn ich den Tag in der Gastro arbeite, nach Hause komme und realisiere, dass keines meiner To-Dos einen Schritt vorangekommen ist? Mit dem Wissen, dass jede Minute das Telefon klingeln könnte und ich das Haus verlassen muss, fing ich sofort an, die Liste abzuarbeiten.

Arbeit und die Zeit die wir ihr geben

Ich habe mal gehört, eine Aufgabe braucht genau so lange, wie viel Zeit wir uns für sie nehmen. Genauer gesagt handelt es sich um einen Grundsatz von Cyril Northcote Parkinson, der lautet: „Arbeit dehnt sich immer so lang aus, wie man ihr Zeit zur Erledigung einräumt“.

In meinem Fall wurde das an diesem Tag massiv bestätigt, denn mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass ich nicht etwa 24 Stunden Zeit hätte, um die Projekte anzugehen und voranzutreiben, sondern in jeder Minute jemand anrufen könnte und ich die Arbeit niederlegen müsste, erledigte ich den nächsten Meilenstein meiner Projekte innerhalb von zwei Stunden: motiviert, gut gelaunt und konzentriert.

War es das schon?” habe ich mir nach drei E-Mails, zwei Telefonaten und SEO-Beschreibungen in Bilder einfügen gedacht.
Also machte ich mich daran, Fotos abzuholen, Blogbeiträge zu schreiben und Shootings zu planen. Mir wurde klar, zeitliche Grenzen zu setzen, ist für mich viel wichtiger, als ich es gedacht habe.

Warum zu viel Zeit in der Selbsständigkeit ausbremsen kann

Ich denke, es ist sehr wichtig zu verstehen, woher diese Dynamik kommt, denn generell ist ja mehr Zeit zu haben, etwas Gutes. Umgekehrt ist es weniger vorteilhaft, weniger Zeit zu haben.

Was aber, wenn es sich um endlose, zeitfressende Arbeiten handelt, und die Betonung liegt auf “Arbeiten”. In meinem Beruf kann man nie genug Akquise betreiben (es sei denn, man schwimmt in Aufträgen, aber das ist ein Luxus, der mir bisher bis auf wenige Ausnahmen vorenthalten wurde). Man kann nie genug Suchmaschinenoptimierung betreiben oder das Portfolio verbessern.

Zusätzlich ist das Schaffen in der Selbstständigkeit auch selten von unmittelbaren Erfolgen gekürt, und das ist gerade im Aspekt einer Arbeit, bei der man in der Theorie nie fertig wird, eine ganz schön unangenehme Kombination: Denn es saugt Motivation aus!

Konditionierung und Dopamin

Generell funktioniert unsere Motivation mit einer Form von Belohnung für ein Verhalten, meistens mit einer süßen Ausschüttung von Dopamin. Damit wir ein Verhalten gerne wiederholen, brauchen wir in regelmäßigen oder unregelmäßigen Abschnitten ein Erfolgserlebnis – Spielautomaten sind ein super Beispiel dafür.

Genauso, wie wir Hunden ein Verhalten zu Beginn antrainieren mit ständigen Leckerlis und später braucht es nur noch unregelmäßig eine Belohnung, weil das Tier gelernt hat, dass das Verhalten belohnt wird. Derselbe Mechanismus, der mich dazu bringt, endlos bei YouTube zu scrollen auf der Suche nach einem interessanten Video, übrigens.

In der Selbstständigkeit sieht das allerdings anders aus, denn nicht nur fallen Belohnungen für Arbeiten teilweise einfach komplett weg – schlimmer noch – häufig wissen wir gar nicht, wofür wir eigentlich belohnt werden.

Wir wissen nicht, welche Tätigkeiten uns weiterbringen

Das mag jetzt nicht auf jeden Freelancer zutreffen. Ich bin mir sicher, es gibt genug Kollegen und Kolleginnen, die ihren goldenen Weg gefunden haben, der eine 90-prozentige Erfolgsquote verspricht (und die inzwischen 13 gängige Seminare für je 200 Euro anbieten, wie man auch so erfolgreich werden kann, wie sie es sind). Aber ich denke, jeder kennt das Gefühl, dass man gar nicht genau weiß, warum man das, was man gerade tut, eigentlich macht.

Dieser Blog ist das beste Beispiel dafür. Seit über vier Jahren schreibe ich Blogartikel, auf drei Websites verteilt. An einem Artikel sitze ich zwischen einem halben Tag, bis hin zu einer Woche oder sogar länger, je nachdem, wie viel Aufwand die Recherche beansprucht. Dann werden diese noch ins Englische übersetzt und für SEO optimiert. Habe ich davon einen großen Mehrwert über die Jahre gehabt? Keine Ahnung.

Kommentare zu meinen Einträgen sind selten, und direkt angesprochen auf die Blogartikel werde ich meistens nur von guten FreundInnen. Im Endeffekt schreibe ich diesen Blog, weil ich gerne mein Wissen weitergeben möchte, da ich selbst häufig von dem Wissen anderer profitiert habe.

Und auch dafür, dass Menschen, die mit mir zusammenarbeiten möchten, einen Einblick in meinen Kenntnisstand und ein authentisches Bild meiner Person bekommen. Aber trotzdem stelle ich mir regelmäßig die Frage, bringt das meiner Karriere etwas?

Die Unwissenheit darüber, wann wir Sisyphus sind

Zu Beginn war ich motiviert und wollte mein soziologisches Studium weiterführen in Form von interessanten Blogartikeln zu gesellschaftlichen und politischen Themen. Heute geht es meistens um Außendarstellung. Aber weiß ich, ob ich jemals KundInnen mit dieser Arbeit erschlossen habe? Soweit ich weiß, habe ich mit Bildern, die ich in Facebook-Gruppen einmalig gepostet habe, mehr Kundschaft an Land gezogen oder schlicht, weil ich mich zufällig mit der richtigen Person bei einem Konzert unterhalten habe.

Und jetzt macht mir das Schreiben von Blogartikeln zwar größtenteils Spaß, also selbst wenn das Feedback oder der Mehrwert gering ist, kann ich dem etwas abgewinnen. Wenn ich nun aber hunderte von Akquise-Mails verschicke und keine Ahnung habe, ob ich einmal irgendwann einen Job akquiriere, fühlt sich das schnell nach einer mühsamen Sisyphus-Arbeit an.

Leider wissen wir häufig, gerade im kreativen Schaffensbereich, nicht, welche unserer Tätigkeiten einmal Früchte tragen und welche zu nichts führen werden. Das wird besonders anstrengend, wenn wir eigentlich immer Zeit hätten zu arbeiten. Das Gute an einer “nine to five”-Einstellung ist, dass selbst wenn wir nicht sonderlich viel Spaß daran haben, unsere Belohnung unser Gehalt sein wird.

In solchen Momenten ist zu viel Zeit für Arbeiten, die wir meinen erledigen zu müssen, ohne eine unmittelbar absehbare Belohnung, kein Segen mehr, sondern ein Fluch.

Weniger Freiheit, mehr “Eustress”

So, das war jetzt ein langer Bogen. Wer hier noch mitliest, vielen Dank dafür. Wir kommen endlich zur Erkenntnis und Mehrwert. Was mir dieser Anruf und der daraus entstehende Motivations- und Schaffensschub klar gezeigt hat, ist, dass mir zeitliche Begrenzungen einen positiven Stress (Eustress) schenken.

Wenn ich weiß, mir steht nur ein begrenztes Zeitfenster offen, um gewisse Dinge zu erledigen, bevor ich sie in einen neuen Tag oder die Zukunft verlegen muss, oder die Chance schlicht adé ist, komme ich wieder in einen Flow, der mir sogar Spaß macht. Es hilft, diesen Impuls zu geben, den ich brauche, um unliebsame Aufgaben hinter mich zu bringen.

Ich denke, das ist der Grund, warum so viele professionelle Coaches so hochgelobt werden. Nicht, weil sie uns als Selbstständige das Geheimrezept auf dem Silbertablett servieren, welches alles revolutioniert. Sondern, weil sie uns einen Rahmen und einen Eustress durch einen Druck von außen geben, genau die Dinge umzusetzen, die wir ohnehin schon im Hinterkopf haben. Im Endeffekt nehmen sie uns die Autonomie, führen uns an der Hand und befreien uns von der Freiheit, alles selbst entscheiden zu müssen.

In meinem Fall kam dieser Eustress aber nicht von einem Coach, der mich an der Hand nimmt und sagt: “Bis Ende der Woche möchte ich eine Mindmap haben, wo du dich in fünf Jahren siehst”, sondern ein schlichtes: “Hey, kannst du heute Nachmittag arbeiten?“. Ich denke aber keinesfalls, dass das nur auf das Berufsleben beschränkt ist. Beispiel Dating-Apps.

Wie Tinder und Co zur Stagnation führen kann

Ich finde, Dating-Apps sind ein klasse Vergleich zu diesem Thema, denn sie geben uns das Gefühl, ständig etwas tun zu können, um jemand Neues, Spannendes, Interessantes kennenzulernen. Es besteht kein Zeitdruck, denn die Person kann ja irgendwann zurückwischen oder eben nicht, kein Limit an möglichen Matches (bzw. Touché an jene, die bis ans Ende von Tinder geswipt haben), also eigentlich grenzenlos, gemütlich, angenehm und gleichzeitig fühlen sie sich auf Dauer wahnsinnig anstrengend an. Warum?

Das Erfolgsrezept von Dating-Apps ist es nicht, dass wir möglichst schnell den perfekten Partner/die perfekte Partnerin finden, leider ist das im Kern schon ein Widerspruch, denn sie funktionieren wie routinierte Arbeit: Wischen, wischen, wischen, schreiben, Treffen ausmachen, Treffen, reden, trinken, miteinander schlafen, ghosten (ich weiß, ich weiß, nicht immer, aber meistens).

Sehen wir jemanden in einem Café oder auf der Tanzfläche, dann ist das ein flüchtiger Moment und die Zeit, die Möglichkeit, diese Person kennenzulernen, ist begrenzt. Wir haben eben nur dieses Zeitfenster, wir können nicht vorher unsere Bio besser schreiben, schönere Fotos von uns hochladen, die Person vielleicht später swipen, die Möglichkeit ist jetzt da und wir können sie eben nur jetzt nutzen, das kreiert eher einen Eustress, als endlos auf Tinder zu wischen – das kann Distress (negativen Stress) zur Folge haben.

Ganz zu schweigen von einer Ernüchterung quer durch die Bank. Genauso, wie Freischaffende, die in dieses Loch von nie endender Arbeit mit zu viel Zeit dafür fallen können, fallen Dating-App-Benutzer/-innen in dieses Loch von niemals endenden Dating-Möglichkeiten.

Und genau in beiden Bereichen gibt es Coaches, die hilflosen Ratsuchenden den Weg aus ihrer hilflosen, unbegrenzten Freiheit zeigen möchten, mit expliziten Schritten und Abfolgen, die den schnellen Erfolg versprechen. Die uns an der Hand nehmen und unsere losen Vorstellungen/Ziele in fest Bahnen lenken.

Wirklich erfüllend ist beides nicht und leider saugt es ganz schnell die Freude aus etwas, dass eigentlich etwas spannendes sein sollte.

Make stress great again

Eben genau darauf möchte ich hinaus, ich denke Limitierungen, seien es in Zeit oder Optionsbereich, können uns massiv helfen, motiviert zu bleiben. Gerade im Bereich der Kreativwirtschaft (oder beim Daten), kann zu viel Freiheit ganz schnell mehr Druck und Belastung aufbauen, als sie eigentlich wegnimmt.

Genauso, wie plötzlich fünf mögliche Dates offen zu haben, mit endlosen Möglichkeiten nur einen Wisch entfernt, können zu viele Projekte, die alle erledigt werden wollen, schnell zu Kopf steigen. Besonders, wenn die tatsächliche Belohnung für diese Arbeit nicht ersichtlich oder absehbar ist.

Wenn ich mir vornehme, ein Lied auf der Gitarre zu lernen und ich jeden Tag eine halbe Stunde zum Üben habe, wird der Prozess so viel angenehmer und motivierender sein, als wenn gerade nichts anderes zu tun habe, als dieses eine Lied zu lernen.

Daher, wenn die Sachen festzustecken scheinen, wenn sie immer schwerer und schwerer auf den Schultern ruhen und immer unangenehmer im Hinterkopf pochen, sie nicht enden wollen: Es hilft, sie ein wenig auf das Abstellgleis zu stellen und sich andere Bereiche für seine Energie zu suchen.

Es hilft diesen Dingen wieder etwas mehr Rahmen und Perspektive zu geben und wenn sie dann plötzlich nicht mehr der Star auf der Bühne sind, dann können wir sie auch wieder mit Energie anpacken.

Falls dir dieser Blogeintrag gefallen hat, hier findest du den ersten Teil einer Reihe von Artikeln, über Dinge die ich gerne gewusst hätte, bevor ich mich Selbstständig gemacht habe.

Streetphoto in one of the backyards in munich in spring 2023, for a blogarticle from daniel Stein, that should help you find a fitting photographer for your project.
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